60-mal Rosenheimer Lay und zurück
/„Der Markus hat zu mir gesagt: ‚Du bist jetzt der Bahnhofswärter.‘ Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll“, lacht Stefan Sturm, wie er so von der scherzhaften Bemerkung seines Chefs Markus Mann erzählt. Tatsächlich ist Sturm gerade auf dem Weg zu einem Bahnhof: Mit einem elektrisch angetriebenen „DAF XD“-Lkw zieht er einen für den Holztransport geeigneten Auflieger zur Rosenheimer Lay.
Am einst für den Basaltabtransport angelegten Bahnhof lädt Stefan Sturm Holz auf den E-Lkw. Da er ein routinierter Baggerfahrer ist, kann er auch diesen Schritt selbst erledigen. Fotos (7): Schmalenbach
Ältere Westerwälder kennen noch den Namen „Kotzenrother Lay“, der für die Rosenheimer Lay einst ebenfalls gebräuchlich war. In einem dort gelegenen Steinbruch wurde Basalt abgebaut, ein seinerzeit begehrtes Baumaterial, das an vielen Stellen des Westerwalds aus dem Boden geholt wurde. 1976 endeten die Arbeiten. Zurück blieb ein heute unter Naturschutz stehender Landschaftsraum zwischen den Gemeinden Elkenroth und Rosenheim sowie unter anderem der Bahnhof, in dem früher das Gestein auf den Zug verladen wurde.
In Garnituren mit maximal fünf Waggons je Durchgang aufgeteilt, ist das Holz aus dem Komplettzug zur Rosenheimer Lay gefahren worden. Foto: WWHW
Zu eben diesem Bahnhof, der heute den „Westerwälder Holzwerken“ (WWHW) gehört, wurden Mitte Februar circa 1.800 Festmeter Rundholz für die Palettenholzproduktion des Langenbacher Unternehmens transportiert – auf dem Schienenweg. Ein Komplettzug mit 27 Waggons fuhr dazu zunächst nach Scheuerfeld bei Betzdorf, wo es einen Abzweig von der Siegstrecke gibt. Von dort aus wurde die Fracht über den Rangierbahnhof Bindweide zur Rosenheimer Lay gebracht, aufgeteilt auf maximal fünf Waggons je Durchgang.
An der Rosenheimer Lay ist das Holz binnen zweier Tage rasch abgeladen und zwischengelagert worden, damit der Zug zügig wieder frei wurde für andere Transporte. Und nun muss das Rundholz „portionsweise“ nach Langenbach geschafft werden – auf der Straße, da die ehemalige Trasse der „Westerwaldbahn“ in dieser Richtung in Elkenroth endet und die intensiven Bemühungen der WWHW um eine Anbindung ihres Sägewerkes an diesen alten Schienenstrang scheiterten (die „Wäller Energiezeitung“ berichtete).
Auf dem Gelände ist das Holz zwischengelagert worden, um es anschließend von dort in etwa 60 Touren nach Langenbach zu fahren.
Dessen ungeachtet, stellt die gemeinnützige Interessenorganisation „Allianz pro Schiene“ die Umweltfreundlichkeit der Eisenbahn als Verkehrsträger heraus: „Die Bahnen fahren mit Strom, der schon jetzt zu über 60 Prozent aus erneuerbaren Energien gewonnen wird. Damit sind die Bahnen das umweltfreundlichste Verkehrsmittel für unsere Mobilität. (…) Ein Güterzug verursacht pro Tonne je Kilometer nur ein Viertel so viel Kohlendioxid (CO2) wie ein Lkw.“ Eben wegen dieses ökologischen Vorteils hätten die WWHW ihr Rundholz gerne vollständig auf Schienen befördern lassen.
Nachdem dies aus den genannten Gründen nun nicht möglich ist, werden die letzten acht Kilometer vom Bahnhof Rosenheimer Lay bis zum Werksgelände immerhin mit elektrischen Lkw überwunden. Dazu ist Stefan Sturm gerade mit einem weißen Leihfahrzeug ohne WWHW-Beschriftung unterwegs, da an diesem Tag zwei der acht eigenen E-Lkw des Unternehmens in der Werkstatt sind.
Stefan Sturm gurtet seine Fracht sicher an.
Normalerweise fährt Sturm einen der Holzumschlagbagger, mit denen auf dem Rundholzplatz der WWHW mächtige Polter angelegt und die beiden Sägelinien mit dem für die Sägeprodukte benötigten Holz aus diesem Vorrat versorgt werden. Ebenso arbeitet der WWHW-Mitarbeiter an der Hackerlinie, an der nicht sägefähiges Holz zur ökologischen Nutzung als Hackschnitzel oder Ausgangsmaterial für die Produktion von Westerwälder Holzpellets zerkleinert wird.
Mit dem Umschlagbagger kennt sich Sturm also gut aus, und da er außerdem einen Lkw-Führerschein besitzt, ist er der ideale Mann, um sich beim Pendelverkehr zwischen der Rosenheimer Lay und Langenbach einzubringen.
2,50 Meter lang und schätzungsweise 15 bis 40 Zentimeter stark sind die Rundholzabschnitte, die er mit dem Bagger nach seiner Ankunft am einstigen „Basalt-Bahnhof“ greift und sorgsam auf den Trailer am elektrischen „DAF“ lädt. Maximal fünf Stöße passen bei dieser Abschnittslänge hintereinander auf den Auflieger. Je zehn Rungen stützen das Holz auf beiden Seiten, doch bis zu deren Oberkante kann Stefan Sturm das Fahrzeug nicht beladen, um im Rahmen des gesetzlich zulässigen Höchstgewichts zu bleiben.
Der mit Rungen ausgestattete Auflieger ist eigens für den Rundholztransport gedacht.
Es dauert eine ganze Weile, bis das Holz verladen und anschließend Stoß für Stoß mit massiven Gurten festgezurrt ist. Die Rückfahrt nach Langenbach ist danach fast so schnell bewältigt wie der Hinweg zum Bahnhof: Der umweltfreundliche Elektro-Lkw hat genug Power, vor allem ein enormes Drehmoment, um auch den vollen Auflieger zügig zu bewegen.
Auf dem Betriebsgelände angekommen, fährt der WWHW-Mitarbeiter direkt zur Rundholzsortieranlage: Sein Kollege Noah Ermert steht schon mit einem gelben Umschlagbagger bereit, um den Trailer abzuladen und die Rundholzabschnitte direkt auf den Aufgabetisch der Rundholzsortierung zu legen.
Vom Trailer wird das Holz direkt auf die Rundholzsortierung gelegt.
Während die Rundholzabschnitte, die mit der ersten Fuhre Stefan Sturms an diesem Tag von der Rosenheimer Lay nach Langenbach gefahren worden sind, weiter in die für unterschiedliche Dimensionen bereitstehenden, verschiedenen Boxen an der Rundholzsortierung rollen, ist der Fahrer bereits erneut auf dem Weg zur Rosenheimer Lay. Die große Gesamtmenge Holz, die der Zug gebracht hat, erfordert immerhin etwa 60 Hin- und Rückfahrten mit dem E-Lkw, so dass der „Bahnhofsvorsteher“ – pardon: Stefan Sturm das Fahrzeug über die nächsten Tage gewiss noch etliche Male mehr zum Bahnhof am alten Basaltsteinbruch steuern muss.
Da die Bahnlinie etwa acht Kilometer vor dem Firmengelände endet, muss das letzte Stück auf der Straße zurückgelegt werden, unter anderem durch Elkenroth, wo es politischen Widerstand gegen die direkte Anbindung der WWHW an die Bahntrasse gab.
